Stellen Sie sich vor, sie fahren mit dem Auto, und die Windschutzscheibe ist völlig verdreckt. Sie sehen nichts mehr. Der Scheibenwischer ist kaputt, die Scheibenwaschanlage leer. Können Sie unter diesen Umständen noch fahren? Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sicher am Ziel ankommen?
Mein erstes Ziel ist daher: Anhalten und bessere Sicht schaffen. Also beiden Partnern zu helfen, für einen Moment auszusteigen und sich selbst, den anderen und die gemeinsame Beziehung anzuschauen. Im besten Fall bekommen beide Partner schon nach kurzer Zeit eine Idee davon, was in der Beziehung (unbewusst) wirkt. Oftmals ist dies der Einstieg zu einem tieferen Erforschen und ganz neuen Kennenlernen, sowohl des Partners als auch seiner selbst. Erst damit schaffen beide eine gesunde Grundlage für die Entscheidung, wohin die Reise in Zukunft gehen soll - und ob sie weiter gemeinsam oder doch lieber getrennt reisen möchten.
In diesem Fall versucht die Therapie beiden Partnern Werkzeuge zu vermitteln, die es ihnen erlauben, sich mit den Aufgaben und Konflikten der Beziehung in Zukunft besser auseinanderzusetzen. Und natürlich ist es ein berechtigtes Ziel, die Qualität der Partnerschaft deutlich zu verbessern. Dazu kann gehören: eine bessere Kommunikation, die Fähigkeit zu konstruktiveren Auseinandersetzungen, weniger gegenseitige Verletzungen, mehr Autonomie und/oder mehr Gemeinsamkeit, mehr Lebensfreude, mehr Liebe, eine vitalere und erfülltere Sexualität, und vieles andere mehr.
In diesem Fall kann die Paartherapie die Partner bis zur endgültigen Trennung begleiten und später eventuell in eine Einzelarbeit überführt werden. Dies hilft den Partnern, den gegenseitigen Ablösungsprozess zu vollenden und zurück zu finden in die eigene Autonomie. "Abgebrochene", aber nicht wirklich gelöste Beziehungen neigen nämlich unglücklicherweise dazu, an genau der abgebrochenen Stelle in späteren Beziehungen als hartnäckiges "Problem" wiederaufzuerstehen ...
Der bekannte Schweizer Psychotherapeut und einer der "Väter" der Paartherapie, Jürg Willi, sagt zum Thema "Zielsetzung der Paartherapie":
"Eine der Zielsetzungen der Paartherapie sehe ich in der Lockerung und im Abbau von zu starren Interaktionspersönlichkeiten (Anm.: mit "Interaktionspersönlichkeit" meint Willi diejenige Persönlichkeitsstruktur, die im Miteinander zweier Partner aktiviert wird und die sich von der Persönlichkeitsstruktur außerhalb des Paar-Miteinanders oft sehr stark unterscheidet). Die Partner sollten lernen, sich in der Paarsituation nicht so reaktiv durch die Persönlichkeit des Partners bestimmen zu lassen und sich dadurch in Kollusionen zu verwickeln, sondern sollten eine bezogene Individuation () entfalten, das heißt, sie sollten sich als voneinander getrennt und zugleich aufeinander bezogen erleben können. In jeder Zweierbeziehung () besteht die Tendenz zur Funktionsteilung und damit zur Polarisierung der Verhaltensweisen." (J.Willi, Die Therapie der Zweierbeziehung, Stuttgart 2008, S.28)
Und noch einmal Jürg Willi:
"Eine Partnerbeziehung ist kein Status, sondern ein Prozess, der den Partnern dauernde Anpassungen an wechselnde innere und äußere Gegebenheiten abfordert. Dazu ist eine Gemeinschaft, in der die Partner als Interaktionspersönlichkeiten zu stark aufeinander bezogen und voneinander bestimmt sind, nicht in der Lage. Es findet sich zu wenig Spielraum für Entwicklung, für Experimentieren und für Sammeln von neuen Erfahrungen, als dass dabei keine unerträglichen Ängste vor Lockerung des gemeinsam errichteten Abwehrgebäudes oder vor Auflösung der Beziehung auftreten." (J.Willi, a.a.o., S.37)